Ein Kinderbuch als Impfstoff gegen Rassismus

(Von Andre Dolle, Braunschweig, 28.02.2018).  Die Autoren von „Paul – Eine Geschichte von schwarz und weiß“ widmen ihr Werk Sally Perel. Der „Hitlerjunge Salomon“ ist begeistert.


(Fotos: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de)


Es ist mucksmäuschenstill. Zeitzeugen sind eben doch die besten Geschichtslehrer. Die etwa 200 Besucher des Leserforums unserer Zeitung hängen an den Lippen des Mannes, der den Holocaust überlebt hat. 92 Jahre ist Sally Perel nun schon alt. Im April wird er 93 – und ist kein bisschen müde.

 

Er, der als Jude den Nationalsozialismus überlebte, indem er sich als Hitlerjunge tarnte, erzählt mitten ins Herz. Am Dienstagabend gibt er ein Plädoyer für Toleranz und Respekt. Gerade jetzt, so sagt er, sei es wichtig, sich einzusetzen. „Der Rechtsextremismus ist wieder in den Parlamenten angekommen.“ Es ist klar, wen er meint: die AfD. „Das ist für mich Ansporn.“ Er richtet einen Appell an die vielen Jugendlichen im Saal des BZV Medienhauses: „Einigt euch im Kampf gegen den Rechtsradikalismus!“

 

Einige Brüder und Schwestern im Geiste sitzen mit Perel – ihrem Vorbild – zusammen auf dem Podium. Es sind Schüler der IGS Volkmarode. Sie haben ein Kinderbuch illustriert und getextet. Es handelt von Paul, dem kleinen Pandabären und heißt „Paul – Eine Geschichte von schwarz und weiß.“ Paul findet sich plötzlich in einer Umgebung mit nur schwarzen und nur weißen Bären wieder. Er soll sich entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt – und findet eine versöhnliche Lösung, so viel sei schon einmal verraten.

 

Das Buch ist ganz im Sinne Perels. Die Schüler gewannen mit ihrem Werk folgerichtig den von Volkswagen ausgelobten Sally-Perel-Preis. Die Jugendlichen widmeten Perel das Kinderbuch. Der schrieb das Vorwort. Und zeigt sich auch am Dienstagabend noch ganz gerührt.

 

„Das Buch ist eine Impfung gegen Rassismus und Fremdenhass“, sagt Perel. Er weiß: „Gerade Kinder lassen sich von populistischen Äußerungen sehr leicht anstecken.“ Doch wir alle könnten viel von Paul lernen. „Das Buch und der Preis sind für mich eine Krönung meines Kampfes für Toleranz und Respekt“, so Perel.

 

Wenn so einer das sagt, dürfen sich wiederum die Schüler geschmeichelt fühlen. Der 1925 in Peine geborene Jude Perel überlebte den Holocaust, indem er seine Identität verheimlichte und sich als arischer Deutscher ausgab. Während des Zweiten Weltkriegs lebte Perel als Josef Perjell, genannt Jupp, in Braunschweig und wurde dort bei Volkswagen zum Feinmechaniker ausgebildet.

 

Berühmt wurde seine 1990 verfilmte Geschichte unter dem Titel „Hitlerjunge Salomon“. Seit Jahrzehnten erzählt er sie Schülern in Israel, Deutschland und in anderen Ländern, um das Gedenken an den Holocaust zu bewahren und vor den Gefahren des Faschismus zu warnen.

 

Ungebrochen frisch und leidenschaftlich warnt er auch in Braunschweig. Er, der selbst der Propaganda der Nazis erlegen war und Adolf Hitler die Treue schwor, erklärte: „Ich wurde zum Hass erzogen auf alles, was nicht Deutsch war.“ Sein Gehirn sei vergiftet worden. Heute wisse er, dass Hass zu Verbrechen führe.

 

Armin Maus, Chefredakteur unserer Zeitung und Moderator des Leserforums, erinnert daran, dass Braunschweig „eine der Hochburgen des braunen Ungeists“ gewesen sei. Perel erzählt, dass „Braunschweig die Stadt seines Schicksals“ gewesen sei. „Ich lief mit der Hitlerjugend-Uniform durch die Straßen – die Panzerfaust in der Hand, um Braunschweig zu verteidigen.“ So viel habe sich seitdem geändert. Heute sei Braunschweig eine weltoffene Stadt.

 


Schüler Bosse: Rechte Tendenzen widersprechen unseren Werten

 

Die fünf Schüler, Emma Piko, Leah Waikinn, Malte Karwehl, Ruben Potthast und David Bosse erläutern auf dem Podium, wie es zum Buch kam. Die fünf sind befreundet, Emma Piko kann gut zeichnen, andere haben das Talent fürs Schreiben und Geschichtenerzählen. Die fünf Schüler nutzten die ein oder andere Schulstunde, vor allem aber feilten sie in ihrer Freizeit am Buch – schrieben, verwarfen, schrieben und zeichneten. Professionelle Unterstützung erhielten sie von der Illustratorin Ute Ohlms. Sie stammt wie Perel aus Peine.

 

Die IGS Volkmarode ist bekannt dafür, dass sie die Werte Respekt und Toleranz als besonders wichtig erachtet. Schulleiter Christian Düwel erklärt, dass an der noch jungen Schule – in diesem Jahr verabschiedet die IGS den ersten Abiturjahrgang – besonders engagierte Lehrer arbeiten würden. „Wir suchen die Lehrer gezielt aus. Sie müssen zu unserer Schule und zu unserer ausgeprägten demokratischen Kultur passen“, sagt er.

 

Inspiration fanden die fünf Kinderbuchautoren auch bei Klassenkameraden und in der Schülervertretung. Viele nahmen Anteil am Projekt.

 

David Bosse erklärt, worauf es ihm ankam: „Es gibt rechte Tendenzen in unserer Gesellschaft, gegen die wir vorgehen wollen. Denn sie widersprechen unseren Werten.“ Ruben Potthast ergänzt: „Ich akzeptiere jeden Menschen so, wie er ist. Diesen Respekt erwarte ich auch mir gegenüber.“ Im Kinderbuch handelt die Figur Paul, der Pandabär, genau so.

 

Leah Waikinn sagt: „Wir dürfen nicht wegsehen, wenn andere ausgegrenzt werden.“

 

Dass Tiere im Mittelpunkt der Geschichte stehen, erklärt David Bosse so: „Kinder finden Tiere toll.“ Leah Waikinn bemerkt, dass die fünf Autoren sich bei den Anführern der weißen und schwarzen Bären ganz bewusst für einen männlichen und einen weiblichen Bären entschieden haben. Ganz im Sinne der Gleichberechtigung.

 

Der männliche Bär heißt Rasmus. Schon vom Wortursprung her liegt das nahe bei Rassismus. Die weibliche Anführerin heißt Mathilda.

 

Perel kennt das alles schon. Geduldig hört er zu, als die Schüler sprechen. Zwischendurch ist seine Meinung immer wieder gefragt.

 

Mathias Möreke, stellvertretender Betriebsratschef des Braunschweiger VW-Standorts, erzählt Perel, dass er sich schon einmal auf Besuch einrichten könne – an seinem 100. Geburtstag. Er meint den Betriebsratsvorsitzenden Uwe Frisch, der selbst im Publikum sitzt. „Uwe hat das angekündigt.“ Man kennt sich seit Jahren, duzt sich. Perel erklärt, dass er VW immer noch sehr verbunden ist.

 



Der 92-jährige Perel chattet bei Facebook mit Jugendlichen

 

Er berichtet von einem Besuch an einer Schule in Schöningen im Kreis Helmstedt am Vortag. Dort hat er einen seiner Vorträge gehalten. Einer der Schüler, ein bekennender AfD-Anhänger, sei im Anschluss zu ihm gekommen und habe gesagt, dass er die Dinge nun ganz anders sehe. Wieder einer, den Perel zum Nachdenken gebracht hat.

 

Perel erzählt, dass er sich im sozialen Netzwerk Facebook registriert hat. „Dort bekomme ich Hunderte von Anfragen“, sagt er. „Vor allem von jungen Leuten, mit denen ich in Kontakt stehe.“ Einen kleinen Seitenhieb auf die vielen Jugendlichen im Saal hat er dennoch parat: Mit „meine jungen Freunde“ leitet er seine Sätze ein. „Wir hatten damals während meiner schönen Kindheit in Peine kein Smartphone. Wir hatten noch schöne Kinderbücher, nicht all diese Filme und Computerspiele, in denen es um so viel Gewalt geht.“ Perel erntet ein paar überraschte Blicke. Damit haben sie nicht gerechnet, dass dieser liebe, alte Mann ihnen jetzt die Leviten liest.

 

Dann stößt Perel eine Debatte an. Es geht um Religion. Perel ist religionsfrei, wie er sagt. „Ich bin friedlebender Israeli. Auschwitz und Gott passen nicht zusammen“, sagt er. „Alle Religionen haben versagt. Wie könnte ein Gott den Holocaust zugelassen haben?“ Perel erinnert an ein Zeitungs-Interview, mit dem er schon einmal große Aufmerksamkeit erregt hatte. „Schafft alle Religionen ab, dann habt ihr Weltfrieden“, stand da in großen Lettern. Auch am Dienstagabend erhält Perel Gegenwind.

 

„Den Holocaust hat Gott nicht gewollt, das waren menschliche Taten“, ruft eine Zuschauerin aus dem Publikum. Perel lenkt etwas ein. „Jeder Mensch hat das Recht, zu glauben“, sagt er nun. „Wir könnten das Thema noch bis morgen früh diskutieren.“

 

Zuvor erleben die Zuschauer den gelassenen, ironischen Perel. Er erzählt davon, dass er gesagt bekommen habe, er müsse durch die Republik fahren und Vorträge halten, bis er 120 Jahre alt sei. „Wenn ich dann mit 119 sterbe, könnt ihr sagen: ‚Er ist verfrüht gestorben.’“

 

Das Kinderbuch, sagt VW-Betriebsrat Möreke, verkauft sich gut. Die erste Auflage sei so gut wie vergriffen. Doch wahrscheinlich werde es eine zweite Auflage geben. Möreke verspricht: „Interessierte Kindergärten können sich an die IG Metall wenden, dann erhalten sie ein Buchpaket.“ Die Gewerkschaft unterstützt das Buchprojekt.

 

Eine Leserin hat davon gehört, dass die IGS Volkmarode sich in Sally-Perel-Schule umbenennen will. Schulleiter Düwel bestätigt das. Im Sommer soll die Umbenennung erfolgen. Die Stadt Braunschweig muss als Schulträger noch zustimmen. Dann hätte Sally Perel im Sommer wieder einen Grund, aus Israel nach Braunschweig zu kommen. Willkommen wäre er.


Quelle: https://www.braunschweiger-zeitung.de/niedersachsen/article213582661/Ein-Kinderbuch-als-Impfstoff-gegen-Rassismus.html