Mit Respekt und Toleranz gegen das Vergessen

BRAUNSCHWEIG.  Die Mitarbeiter und Auszubildenden des Volkswagen-Werks Braunschweig engagieren sich in zahlreichen Projekten.


Beim Tag der offenen Tür griff Sally Perel in diesem Jahr selbst zur Feile. Getarnt als Hitlerjunge hatte er während des Zweiten Weltkriegs bei VW in Braunschweig eine Ausbildung absolviert. (Foto: Peter Sierigk)


Kinderschuhe von KZ-Häftlingen reinigen, Stacheldraht neu ziehen, das Vergessen verhindern. Zwei Wochen im Jahr tauschen sieben Auszubildende des Volkswagen-Werks Braunschweig ihren Arbeitsplatz mit Auschwitz. Sie sprechen mit Überlebenden des Holocaust und treffen auf Polen ihres Alters, tauschen sich aus – und sie wachsen, wie Christoph Lerche, Leiter der Akademie Volkswagen Braunschweig/Salzgitter, sagt. „Nach den zwei Wochen sind die Jugendlichen deutlich gereift.“ Für Volkswagen sei diese Gedenkstättenarbeit ein bedeutender Punkt beim Engagement für Respekt und Toleranz.

 

„Wir geben uns Mühe, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“, sagt Lerche und macht darauf aufmerksam, dass das Thema an Aktualität nicht eingebüßt hat. Damals wurde gegen die Juden gehetzt, heute treffe es die Flüchtlinge. „Volkswagen ist weltweit aktiv. Wir haben eine besondere Verpflichtung, uns dem Thema Respekt und Toleranz gegenüber anderen zu widmen.“

 

Eine Verpflichtung wächst auch aus der Geschichte des Braunschweiger Werks selbst. Nachdem das Werk 1939 auf Rüstungsproduktion umgestellt hatte, kamen ein Jahr später die ersten 26 Zwangsarbeiter ins Werk. Ende 1944 stellten sie mit 549 bereits 40 Prozent der Belegschaft. Ein entbehrungsreiches Leben und drastische Benachteiligungen am Arbeitsplatz kosteten laut VW mindestens sechs Menschen das Leben, darunter auch einem Säugling.

 

Eine besondere Rolle in der Erinnerungskultur des Unternehmens nimmt der 1925 in Peine geborene Sally Perel ein, ein Jude, der getarnt als Hitlerjunge den Holocaust als Werksbeschäftigter überlebte.

 

Er war an der Ostfront von der deutschen Wehrmacht aufgegriffen und unter der angenommenen falschen Identität für eine Ausbildung im Vorwerk ausgesucht worden. Unter dem Tarnnamen Josef Perjell kam er 1943 als 18-Jähriger in das Werk und begann eine Lehre als Werkzeugmacher.

 

Seit 2013 ist Perel Namenspate für einen Preis, der Initiativen würdigt, die sich für Respekt und Toleranz und gegen Rassismus und Gewalt einsetzen. Der Sally-Perel-Preis wird vom Betriebsrat und der Leitung des VW-Werks Braunschweig verliehen und ist mit 3000 Euro dotiert. In diesem Jahr wurde er im Rahmen der 80-Jahr-Feier vergeben. Der 93-jährige Perel lobte die Preisträger, die Flüchtlinge, Sinti und Roma und einen politischen Rechtsruck thematisierten: „Ihr seid ein Vorbild für andere, indem Ihr der Begegnung zwischen den Völkern eine große Chance gebt.“

 

Ideen haben die Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren viele. Schüler der Braunschweiger Sally-Perel-Schule beispielsweise, die vor zwei Jahren den Preis gewannen, haben ein Kinderbuch geschrieben und illustriert. Es handelt von Paul, einem kleinen Pandabären und heißt „Paul ­– Eine Geschichte von schwarz und weiß“. Paul findet sich plötzlich in einer Umgebung mit nur schwarzen und nur weißen Bären wieder. Er soll sich entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt – und findet schließlich eine versöhnliche Lösung.

 

Schüler an Hauptschulen nimmt ein weiteres Projekt des VW-Werks Braunschweig ins Visier. Zusammen mit der Bürgerstiftung Braunschweig will VW diese Schüler für Technik begeistern. Susanne Hauswaldt, Projektkoordinatorin bei der Bürgerstiftung, sagt: „Es ist ein sehr umfangreiches Projekt, an dem in diesem Jahr 13 Klassen aus zwei Schulen teilnehmen.“ Vor vier Jahren startete das Projekt, bei dem die Schüler beispielsweise von VW-Auszubildenden eine Einführung in die Robotik oder ins Löten bekommen. Es gibt aber auch ehrenamtliche Paten, mit denen Longboards oder Bluetooth-Lautsprecher gebaut werden. Hauswaldt sagt: „Das Projekt ist langfristig angelegt.“ Über mehrere Jahre gebe es jährlich vier Workshop-Tage.

 

Neben festem Spenden-Engagement – beispielsweise den sogenannten Rest-Cents, wobei Mitarbeiter den Betrag hinter dem Komma auf der monatlichen Gehaltsabrechnung an das Kinderhilfswerk „terre des hommes“ spenden–, gibt es auch jahreszeitlich gebundenen Einsatz, bei dem die Azubis wieder im Mittelpunkt stehen.

 

VW unterstützt die Aktion „Weihnachten mit Liebe“, bei der VW-Auszubildende Päckchen für benachteiligte Kinder packen. Zusammen mit der IG-Metall-Jugend, der DRK-Kaufbar und mit Unterstützung lokaler Bäckereien sind beispielsweise im vergangenen Jahr zahlreiche Kinder beschenkt worden. Darunter waren auch Kinder, die das Weihnachtsfest noch gar nicht kennen. Christoph Lerche, Leiter der Akademie Volkswagen Braunschweig/Salzgitter, sagt: „Wir wollen das Miteinander fördern und andere teilhaben lassen. Ansonsten bleibt es ihnen fremd.“


Quelle: https://www.braunschweiger-zeitung.de/wirtschaft/article216017543/Mit-Respekt-und-Toleranz-gegen-das-Vergessen.html